Eine tragische Familiengeschichte aus der Zeit des Tsunamis.

Unser Patenkind Dinusha Samanmalie (geboren am 28.02.1996)
berichtet über seine persönlichen Erfahrungen.

"Den 26. Dezember 2004 werde ich nie wieder in meinem Leben vergessen können. An diesem Tag hat sich alles verändert, nichts ist seit dem mehr wie zuvor. Meine Erinnerungen sind noch so frisch, als wenn es gestern gewesen wäre.

An jenem besagten Sonntag war unsere gesamte Familie schon früh aufgestanden und jeder ging in der üblichen Art und Weise seiner Beschäftigung nach. Wir Kinder hatten Schulferien. Vom frühen Morgen an spielte ich gemeinsam mit meinen älteren Geschwistern. Mein Bruder, meine Schwester und ich kletterten auf Bäume und pflückten Früchte. Wir waren so glücklich und und haben uns jede gemeinsame Minute miteinander gefreut.

Wie an jedem Sonntag wollte meine Mutter auf den Markt gehen, um Gemüse und andere Vorräte zu kaufen. Normalerweise hätte ich sie begleiten müssen, um ihr zu helfen. Aber an diesem Tag sagte sie mir, dass ich zu Hause bleiben könnte.

Ich spielte gerade mit meiner Schwester, als ich ein lautes Geräusch hörte... Es kam aus Richtung des Meeres... Sofort war mir in meinem Innersten bewusst, dass etwas Schlimmes passieren würde.  In Sekundenbruchteilen liefen die Leute auf der Straße um ihr Leben. Sie schrien laut: "Das Meer läuft über, rette sich wer kann, lauft Leute,  lauft....!"

Ich fühlte, wie die Angst von mir Besitz ergriff. Wie gelähmt stand ich da und war unfähig auch nur einen Schritt zu tun. "Meine Mutter, wo ist meine Mutter?" dachte ich sofort, sie sollte doch schon längst wieder da sein. Unser Vater schrie mich an, ich sollte endlich mitkommen. Er griff nach meiner Hand, zog mich hinter sich her und rannte los. So rettete er unser Leben.

Wir liefen zum Tempel, welcher auf einer Anhöhe stand. Dort trafen wir auf meine Großmutter. Sie hatte sich ebenfalls dorthin retten können. Von hieraus mussten wir nun zuschauen, wie uns das Meer alles nahm und zerstörte, was wir jemals besessen hatten. Das Meer verschluckte alles....!!!
Meine Augen füllten sich mit Tränen, und ich begann zu weinen. Würde ich meine Mutter je wiedersehen?

Als sich das Meer wieder zurückgezogen hatte, suchten mein Vater und mein Bruder direkt nach unserer Mutter. Bis spät in den Abend waren sie unterwegs. Als sie zurück kamen, schaute ich in ihre verzweifelten Gesichter. Sie hatten sie nicht gefunden; nicht den kleinsten Anhaltspunkte, wo sie sich hätte aufhalten können oder wo sie noch suchen sollten.
Tiefe Trauer war ihnen ins Gesicht geschrieben. Als Familie gaben wir die Hoffnung aber nicht auf. In den nächsten Tagen gingen beide wieder auf die Suche, aber die Antwort am Abend war immer die gleiche. Nach ein paar Tagen erzählte uns ein Nachbar, dass er gesehen hatte, wie unsere geliebte Mutter von den riesigen Wassermassen erfasst wurde, als sie aus dem Bus gestiegen war.
Jetzt war uns allen klar, sie würde nie wieder kommen. Das, was sich an so vielen Sonntagen zuvor  immer und immer wiederholt hatte, sie verließ die Familie, um auf den Markt zu fahren und Gemüse zu kaufen, würde nie wieder so sein. Sie hatte uns für immer verlassen. Die Riesenwelle hatte sie unter sich begraben!

Wir alle waren fassungslos und entsetzt, der Mittelpunkt unserer Familie, unsere über alles geliebte Mutter war tot. Wie versteinert, erstarrt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, versuchten wir uns gegenseitig Halt zu geben, mein Vater, meine Großmutter, meine Geschwister und ich. Der Tsunami hatte uns alles genommen, was uns wichtig war und all´ unsere Träume mit sich gerissen und zerstört!!!

Ich war zu diesem Zeitpunkt gerade 8 Jahre alt, wo ich meine geliebte Mutter, die für mich die wichtigste Bezugsperson war, verloren hatte. Mit ihr verließ mich auch die Sicherheit, welche sie mir auf all´ meinen Wegen bis dahin gegeben hatte. Sie war es, die mich stets ermutigt hatte, dass ich alles erreichen könnte in meinem Leben. Nie hätte ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen können, ohne sie zu sein. Sie war für mich das Licht, welches mir meinen Weg erhellte!

Aus materieller Sicht betrachtet, hatten wir nun nur noch das, was wir am Körper trugen. Unser Zuhause war sehr stark beschädigt, teilweise sogar ganz zerstört. Wir alle begannen das ehemalige Familienheim wieder aufzubauen und zu reparieren. Jeder von uns, egal ob Kind oder Erwachsener packte mit an. Keiner von uns ging zur Schule.

Die alleinige Verantwortung für die Familie lag nun auf den Schultern unseres Vaters. Er arbeitete unermüdlich Tag aus Tag ein, um genügend Geld für den Unterhalt der Familie zu erwirtschaften.
Unsere Großmutter unterstützte uns auf ihre Art und Weise. Mit all´ ihrer Liebe, Zuneigung und Wärme versuchte sie uns Kindern über den Verlust unserer Mutter hinweg zu helfen.
In dieser Zeit begegneten wir auch der „weißen Mutter“ = „Sudu Amma“ (Ursula Beier). Ihre wunderbare Hilfe machte es möglich,  dass durch die Vermittlung einer Patenschaft an Spender in Deutschland, wir weitere wertvolle Unterstützung erhielten. Somit konnten meine Geschwister und ich wieder zur Schule gehen. Wir sind unserer Patentante Rena aus Deutschland so dankbar!

Mittlerweile hat mein Bruder sein Abitur mit Bravour bestanden und arbeitet beim Militär. Auch meine Schwester hat ihre Abschlussprüfungen erfolgreich abgelegt und hat eine Arbeitsstelle gefunden.
Ich selbst bin jetzt 16 Jahre alt und gehe noch zur Schule. Es hat eine lange Zeit gebraucht, bis ich für mich selbst akzeptieren konnte, dass ich mein zukünftiges Leben ohne meine Mutter meistern muss. Auch wenn ich wusste, dass sie nicht zurückkommen würde, tauchte dieser Wunsch immer wieder vor meinem inneren Auge auf.

Nun setze ich meine gesamte Energie und Aufmerksamkeit dafür ein, einen guten Schulabschluss zu machen. Ich nehme mein Leben in beide Hände, auch um später sagen können, dass ich alles gegeben habe, um den Lebenstraum meiner Mutter zu verwirklichen.
Ihr Ziel war es immer, dass ich eine gute Schulausbildung erhalte, erfolgreich im Leben stehe und ein guter Mensch werde. Ich möchte, dass sie stolz auf mich sein kann!

Meine Mutter ist bei mir

Von irgendwo im Universum, da bin ich mir sicher, wacht mein Mutter über mich und ist bei mir  all´die Tage. Ich spüre, dass mich ihre Segenswünsche stets begleiten. Durch dieses innere Wissen kann ich alles erreichen. Es gibt mir die Kraft und die Zuversicht, alles schaffen zu können.
Es ist so wie früher....als wir noch beisammen waren und sie mir, als ich noch ein kleines Mädchen war,durch ihre Anwesenheit genau diese, so nährende Zuversicht geschenkt hat!

Danke!!!