Die Geschichte eines blinden Mädchens in Sri Lanka

Upeksha, Chathuranganie Wickremaarachchilage
geboren am 15.1.1986

Wir sind fünf Kinder zuhause. Ich habe zwei ältere Schwestern und zwei Brüder. Einer von ihnen ist älter als ich und geistig behindert. Der andere ist das jüngste Kind der Familie.
Zusammen mit unseren Eltern lebten wir alle gemeinsam in einer kleinen bescheiden Strohhütte. Ich bin mir sicher, dass durch meine Geburt das Familienleben an vielen Stellen nicht leichter wurde. Die bittere Armut, unter der meine Familie schon vorher litt, wurde sicherlich durch ein weiteres Familienmitglied nun verstärkt. Auch meine Behinderung, ich bin von Geburt aus blind, stellten weitere Herausforderungen an die Familie.

Unsere Eltern verdienten beide, bis zu meiner Geburt, als Gelegenheitsarbeiter das Geld für den Unterhalt der Familie. Als ich jedoch auf der Welt war, hat unsere Mutter aufgehört zu arbeiten. Sie hat mich Tag für Tag durch mein Leben geführt. Hand in Hand konnte ich sicher und ohne Scheu meinen Weg Schritt für Schritt gehen.
Dadurch lag aber auch die gesamte finanzielle Verantwortung auf den Schultern unseres Vaters. Er war nun der alleinige Verdiener in der Familie.
Alle Geschwister haben die gleiche Dorfschule besucht, auch mein behinderter Bruder und ich. Unser großes Glück war es, dass es dort eine spezielle Klasse für behinderte Menschen gab.
Auf Grund unserer großen finanziellen Probleme mussten meine älteren Schwestern nach Abschluß der Mittleren Reife die Schule verlassen. Mein älterer Bruder war auf Grund seiner Behinderung zuhause und hat keine weiterführende Schule besuchen können. Der Jüngste von uns allen hat nach der Mittleren Reife ebenfalls die Schule verlassen und eine Anstellung in der
Textilindustrie gefunden. Mit seinem monatlichen Verdienst konnte er nun zum
Lebensunterhalt unserer großen Familie beitragen.

Meine Mutter war und ist mein Engel. Sie brachte mich zur Schule, hielt meine Hand und zeigte mir die Wege, die ich zu gehen hatte. Ich fühlte mich niemals alleine oder ohne Schutz und Fürsorge. Mit all' ihrer Liebe hat sie mich beim Erreichen meiner Ziele unterstützt. Ich habe mit viel Fleiß und Engagement die
Blindenschrift erlernt. Begleitet und gestützt wurde ich von wertvollen Helfern an meiner Seite, wie Lehrern, Freunden und vielen weiteren liebe Menschen. In mir kamen wundervolle Gedanken auf und formten sich zu großen Wünschen:

Ich möchte die Welt mit meinen eigenen Augen sehen...
Ich möchte das Licht der Sonne sehen...
Ich möchte spielen und laufen wie die anderen Kinder auch...
Ich möchte die Schönheit der Natur entdecken..., meine Mutter, meinen Vater sehen...

Leider war und bin ich jedoch aufgrund der fehlenden Sehkraft nicht in der Lage, mir diese Wünsche zu erfüllen. Durch meine Religion dachte ich, dass meine Behinderung mir wegen einer zuvor in einem früheren Leben begangenen Sünde auferlegt worden war, ja dass es mein Karma ist.

Wendepunkt

Zu diesem Zeitpunkt reifte in mir ein Entschluss und das war der Wendepunkt in meinem Leben!
In der Tiefe meines Herzen nahm ich mir vor, meine Familie aus der Hilflosigkeit der Armut zu führen. Ihr Leben sollte heller und fröhlicher werden, auch wenn meines selbst in der Dunkelheit verbleiben würde.
Viele Jahre besuchte ich die Schule, bis ich im Jahre 2005 die Mittlere Reife-Prüfung machen konnte. Genau in dieser Zeit veränderte sich unser Leben. Es wurde - wie ich es mir gewünscht hatte - für uns alle lichter, heller und leichter. Ursula Beier – „die weiße Mutter in Sri Lanka“, Albrecht Platter und ihr sozialer Manager Lucky Mahanama besuchten unsere Schule. Durch ihren Einsatz habe ich den Patenonkel Eduard Ganthaler in Südtirol / Italien bekommen, welcher mich jahrelang liebevoll unterstützt hat.
Die Organisation förderte mein großes musikalisches Interesse und schenkte mir eine Geige und ein Harmonium. Ich besuchte nun das Rajasinghe College in Ruwanwella. Gemeinsam in einer Klasse mit nicht sehbehinderten Schülern lernte ich für mein Abitur. Ich konnte dem Unterricht gut folgen, machte meine schriftlichen Arbeiten in der von mir erlernten Blindenschrift.

Im Jahr 2008 war es dann soweit und die Abiturprüfungen standen an. Ich bin glücklich und auch stolz sagen zu können, dass ich diese Prüfungen mit Bravour bestanden habe.
Auf Grund der sehr guten Abiturleistungen, bekam ich einen Studienplatz an der
Jayawardanapura-Universität. Ich studierte Singhalesisch, Musik, Psychologie und Geschichte. Seit August 2013 habe ich mein Studium beendet. Und nun wünsche ich mir, eine Arbeitsstelle als Musiklehrerin zu finden.

Nebenher nehme ich an einer Ausbildung für Gesang teil, die fünf Jahre dauern wird. Ich fühle und spüre tief in mir, dass ich meiner Familie helfen kann, ihr Leben in Armut und das damit verbundene Leid zu beenden, so wie ich es mir damals als zehnjähriges, kleines Mädchen vorgenommen hatte. Ich bin davon überzeugt, dass ich das schaffe! Ich bin für meine Eltern, meine Schwestern und Brüder da, so wie jeder Einzelne von ihnen für mich da war - mit aller Liebe, Zuneigung und Fürsorge...-!
Ich habe mittlerweile einen lieben Mann an meiner eite, der mich bei allem großartig unterstützt. Auch r ist blind. Wir haben uns während unseres Studiums angefreundet. Nun sind wir verheiratet und meistern gemeinsam unser Leben.

Ich kann die Welt nicht sehen, doch ich bin mir sicher und davon überzeugt,
dass eine leuchtende Zukunft vor mir liegt!
Wenn sich mir im Laufe meines Lebens auch ein paar Steine in den Weg legen könnten, besteht die Möglichkeit für mich hinzufallen, wieder aufzustehen, daraus zu lernen und weiter aufrecht weiter zu gehen.
Mein Herz sagt mir, dass immer helfende Hände an meiner Seite sein werden und verhindern, dass ich stolpere und hinfalle.
Ich bin voller tiefer Dankbarkeit mit jedem Einzelnen verbunden, durch dessen Hilfe es mir seit Jahren ermöglicht wurde, meinen Lebensweg zu gehen.
Ich bin blind - ja, aber jede einzelne hilfreiche Hand hat mich auf ihre Weise ermutigt, aus der Dunkelheit herauszutreten und die Welt mit meinem Herzen zu sehen.
Das Allerwichtigste - was ich für mich und mein Leben weiß - ist, dass ich niemals alleine bin und sein werde. Ich bin immer geschützt und getragen und eine führende Kraft begleitet mich bei all' meinem Tun!

Upeksha schrieb uns diesen Brief, um den Menschen Mut und Zuversicht zu
vermitteln, die ein ähnliches Schicksal haben. Sie möchte damit aufzeigen, wie
sich aussichtslose Situationen in ein erfülltes Leben verwandeln lassen.
Die Kraft der Liebe hat sie begleitet und ihr täglich den Mut gegeben, den sie
brauchte, um den Alltag zu meistern!

Diese besondere Geschichte bestätigt uns, dass nichts unmöglich ist! Viele unserer Patenkinder leben oft in aussichtslosen Verhältnissen. Und doch – mit einer kleinen Unterstützung können ihre Talente sichtbar werden und für ihr Leben große Veränderungen bringen.
Wir und unser Mitarbeiter-Team in Sri Lanka sind stolz auf diese besonderen Leistungen von Upeksha.
Wir gratulieren und wünschen ihr von ganzem Herzen eine gute und erfolgreiche Zukunft!
Ursula Beier und Albrecht Platter