Chandani

Das Leben eines tapferen Sri Lanka-Mädchens geboren ohne Arme - Chandani Jayathilake

Als Chandani am 16. Juni 1977 in Sri Lanka geboren wird, weiß sie noch nichts von den Schwierigkeiten ihres Lebens. Sie kennt noch nicht den Zwiespalt zwischen Eltern und Verwandten, zwischen Armut und Reichtum.

Ihr Vater kommt aus einem starken Elternhaus. Er hat gerade sein Abitur hinter sich. Er soll ein Geschäftsmann wie sein Vater werden. Da trifft er im Jahre 1976 – gerade zwanzigjährig -  auf ein gleichaltriges Mädchen aus der armen Schicht. Sie konnte nichts lernen. Ihr Vater war als Taxifahrer tätig und verbrannte in jungen Jahren in seinem kleinen Dreirad-Taxi auf der Straße. Seine Familie geriet dadurch in große Not.

Dieses ungleiche Paar verliebt sich und möchte miteinander durchs Leben gehen. Doch das ist nicht die Sitte Sri Lankas! Dort suchen die Eltern die Lebenspartner für ihre Kinder aus. Es werden horoskopische Gutachten zugrunde gelegt. Die Finanzen müssen stimmen. Wenn Werte und Güter vorhanden sind, sucht man nach Partnerschaften, die sich auch hier ergänzen. Reich zu reich und arm zu arm – ist das normale Leben in Sri Lanka.
Darum steht Sri Lanka mit an der Spitze in der Welt, wenn es um die Selbsttötung junger Menschen geht. Wer sich nicht standesgemäß verliebt, setzt sich großen Gefahren aus.

So auch in unserer Geschichte. Die beiden jungen verliebten Menschen wollen unbedingt entgegen Brauch und Sitte zusammen bleiben. Sie lehnen sich auf und heiraten einander. Das Leben beginnt grausam zu werden. Man hat die ganze Familie der reichen Seite gegen sich.
Sie reicht diesen beiden jungen Menschen nicht die Hand, sondern verwünscht die Schwiegertochter und will sie nicht sehen.
Chandani meldet sich an und wird geboren! Was muß das kleine Wesen schon alles erfahren haben, ehe es auf diese Welt gelangen kann!

Ein wonniges Kind, - doch ohne Arme...

Als sie 1 ½ Jahre alt ist, erträgt ihr Vater den Druck der Familie nicht mehr. Er hat sich bereits in den Alkohol geflüchtet und schlägt in seiner Not Frau und Kind fast täglich. Er jagt die beiden davon... Wenige Jahre später erliegt er seinem Kummer und stirbt einen jammervollen Tod.

Nach einigen Tagen, die Mutter und Kind auf der Straße zubringen, klopft die junge Frau bei ihrer Mutter an und kommt dort unter. Doch auch hier gibt es nur Schwierigkeiten, da ja der Vater in seinem Dreirad-Taxi verbrannte und die Familie nur von Gelegenheitsarbeiten leben konnte.

Schweren Herzens bringt die junge Frau ihr Kind Chandani in ein Altenheim in Colombo. Dort leben in einem Raum 16 behinderte kleine Kinder. Die Versorgung besteht darin, dass sie nur gefüttert werden, keine Mutter, keine Lehrerin, keine Wärme....
So bringt uns eine Nachbarin in dieser Zeit in das beschrieben Altenheim mit den behinderten Kindern. Da begegnen wir auch der 3-jährigen Chandani!
Ich bin sofort bis ins tiefste Innere von der kleinen Chandani berührt! Sie hat eine unbeschreibliche Ausstrahlung, ein großes Talent zu leben und aus ihrer Situation das Beste zu machen.

In Sri Lanka sind die Bürger des Landes für ihre Heime für Kinder und alte Menschen überwiegend selbst verantwortlich. Man ernährt sie, indem man zu allen Festlichkeiten der Familie (Geburtstag, Hochzeitstag, Todestag, Weihnachten usw.) eine Mahlzeit in die Heime bringt, „Almsgiving“ (Almosen) genannt. Diese Sitte bringt den Gebenden Segen und Glück.

Wir werden gebeten, diesem Heim zu helfen. Es fehlt an allem dort. Da es unter zwanzig Personen zählt, gibt der Staat auch nicht seinen obligatorischen monatlichen kleinen Unterhaltsbeitrag von 100 Rupies je Kind als Zuschuss (1981 – 100 RS = 3 DM). Was man am meisten vermisst, ist eine Mutter und Lehrerin für die Kinder. Wir finden Sunethra, eine ungewöhnliche junge Frau mit großen Fähigkeiten, die aus diesen behinderten kleinen Menschen das Größtmögliche entwickeln kann. Ein weltbekannter buddhistischer Mönch aus Colombo stellt uns in seinem großen „Gangarama-Tempel“ Räumlichkeiten für die Kinder zur Verfügung. Somit haben sie mehr Platz.
In unermüdlichem Einsatz lehrt Sunethra die Kinder, sich wie „normale“ Menschen  zu bewegen. Sie gibt ihnen Mut und Einsatzkraft und lenkt sie hin zu stillen kleinen Wesen, die immer das Rechte zu tun wünschen. Sie fügt sich ganz hinein in diesen kleinen Kreis und im Laufe der Jahre mehren sich die Kinder in diesem Heim, da Sunethra niemals einen in Not befindlichen Menschen ablehnen kann.
Gemeinsam mit „ihren Kindern“ gewinnen sie in den darauffolgenden Jahren viele Preise in nationalen traditionellen Schauspiel- und Bastel-Wettbewerben.
Chandani beginnt schon im Alter von 4 Jahren Harmonium mit den Füßen zu erlernen.

Eine kleine, sehr bewegende Geschichte mit großem Ausmaß möchte ich hier noch einfügen, vor der auch ich große Hochachtung habe:
Sunethra möchte mit ihren so gut geschulten Kindern das Gefängnis in Colombo besuchen, um den Gefangenen Freude zu bereiten. Der Staat stimmt ihrem Antrag zu. Und so steht sie mit ihrer kleinen Schar vor dem Gefängnistor und wird eingelassen. Mehr als 2000 Gefangene dürfen in den Hof treten. Dort beginnt Sunethra mit ihren Kindern eine einstudierte Show für die Insassen. Sie singen und tanzen, sie spielen ein Stück aus ihrem Leben... Dann hält Sunethra eine Rede mit dem Inhalt: „Diese Kinder sind von Natur aus behindert zur Welt gekommen. Ihr habt Euch durch Eure Taten behindert.... Wir möchten Euch Freude und Glück bringen, damit ihr wieder Auftrieb für euer Leben bekommt!“
Die Gefangenen haben geweint und daraufhin für 3 Tage die Nahrung verweigert. Sie baten geschlossen die Obrigkeit des Gefängnisses, das somit ersparte Geld auf ein Konto zu legen und die Zinsen monatlich für einen Tag Nahrung diesem Kinderheim als „Almsgiving“ zur Verfügung zu stellen.
So geschah es.
Ein halbes Jahr später werden die Kinder mit Sunethra ins Gefängnis eingeladen. Diesesmal haben die Gefangenen eine kleine Show für sie einstudiert und möchten sich somit bei den Kindern erneut bedanken.
Ja, ich habe viele besondere Geschichten mit diesen Kindern erleben dürfen und bin daher so sicher im Umgang mit ihnen geworden. In mir war ganz klar: „Habe kein Mitleid mit den Armen! Sei mit den Leidenden!“  Diese Erkenntnis hat mir sehr geholfen, mit jedem Menschen gleich liebevoll umzugehen. An Wochenenden haben wir als Familie, Carl-Heinz, Christian und ich die kleine Chandani immer zu uns geholt. Sie hat mit mir im Bett geschlafen und mit ihrem Beinchen umarmt. Am Morgen nach dem Aufwachen bringt sie mir einen Tee ans Bett. Wir sitzen zusammen „Hand in Fuß“ und genießen die innige Verbundenheit. Wir bringen ihr bei, mit Messer und Gabel zu essen. (In Sri Lanka ist es Sitte, mit den Fingern zu essen.)

Unter der wunderbaren, verständnisvollen Leitung Sunethras wird auch Chandanis Intelligenz sehr gefördert. Sie beginnt mit den Füßen all‘ das zu erlernen, was man sonst mit den Händen tut. Sie lernt lesen und schreiben, malen und singen, nähen und sticken, tanzen und schauspielern, ja sogar das Trommeln und auf dem Harmonium zu spielen, fällt ihr leicht.
Von klein auf erzählt sie mir immer wieder während der heranwachsenden Jahre:
„Aunty, I will study law!  „Ich möchte Jura studieren, um den Ärmsten der Armen eine Stütze sein.“
Zur damaligen Zeit  setzen wir es beim Staat durch, daß Chandani in eine Schule mit normal entwickelten Kindern gehen darf. Sie sitzt auf dem Boden der Schulklasse und lernt und lernt...mit unermüdlichem Eifer, spielend leicht und erfolgreich.

Als sie 16 Jahre alt geworden ist, sehnt sie sich nach ihrer Mutter zurück. Obwohl im Kinderheim für sie in jeder Weise gesorgt ist, möchte sie bei ihr leben und tritt wieder in ihre alte Welt von Armut und Elend ein. Es hat sich bei der Mutter nichts geändert. Doch Chandani beginnt nun, für ihre Mutter zu kämpfen. Sie geht zu den Fabriken in ihrer Umgebung und bittet unter Tränen, ihrer Mutter doch eine Arbeit zu geben. In einer Tabak-verarbeitenden Fabrik findet sie endlich Gehör und ihre Mutter fortan eine Arbeit. In Schichtdiensten schneidet sie die Tabakblätter klein, eine Tätigkeit, die ihre sonst schon sehr angegriffenen Lungen noch mehr schwächt. Doch 3.200,- Rupien (damals ca. 80,- DM) ist das monatliche Einkommen. Für 1.800 Rupien mieten sie einen winzig kleinen leeren Raum ohne Möbel. Eine kleine Kochplatte für einen Topf haben sie sich gekauft. Sie schlafen auf dem Boden. Eine Toilette gibt es nicht, nur Platz unter Bäumen und Sträuchern im Freien.
Das Wasser gilt es aus dem Brunnen zu holen, der 500 Meter entfernt ist. Das kann sie natürlich nur mit Hilfe der Mutter tun, wie soll sie einen gefüllten Eimer mit ihren Füßen aus dem Brunnen ziehen! Doch für sie zählt nur eines: sie sind wieder zusammen! Und Chandani  findet sich in jeder Lebenslage zurecht.
Sie erhält wertvolle finanzielle Hilfe durch eine Schweizer Dame, die eine Patenschaft für sie übernommen hat. Die beiden waren sich auf einer von uns organisierten Rundreise durchs Land begegnet. Jetzt kann Chandani die nötigen Studienbücher, Kleidung, Nahrung und Fahrgelder zur Schule sowie die Gebühren für den späteren Besuch der Universität leichter finanzieren. 
1997 gelingt Chandani das Abitur. Sie ist glücklich und bittet nun um Eintritt in die Universität. Sie möchte Jura studieren. Sie will eine Rechtsanwältin für die Armen sein! Das ist ihr ganzes Sinnen und Trachten.
Nach dem ersten Jahr ihres Studiums kommt sie weinend zu mir und erzählt mir: „Ich bin so traurig, denn was ich mir solange erträumt habe, kann ich nicht verantworten. In unserem Land gibt es so viel Korruption.“
Daraufhin wechselt sie ihren Studiengang. Journalismus, internationale Völkerverständigung, Psychologie, Englisch, Japanisch und Computerkurse (mit den Füßen) sind die Hauptfächer.

Niemals hat Chandani um etwas gebeten. Keiner durfte ihr helfen. Sie kann alles alleine, duschen, sich anziehen, die Toilette benutzen usw. Sie steht wortwörtlich mit beiden Füßen auf dem Boden und meistert ihr Leben in bewundernswerter Art und Weise.

Hier eine kleine für Chandani typische Geschichte.
Sie steigt in einen Bus ein und reicht dem Schaffner mit ihrem Fuß das Fahrgeld, als ein älterer Mitfahrer in Tränen ausbricht und sie anspricht: „Du bist ein Engel für die Menschen. Du zeigst ihnen durch deine Stärke, dass es immer wieder Wege im Leben gibt, um zu bestehen! Wie bist du nur so stark geworden? Du wirst in deinem Leben erfolgreich sein können mit deinem Mut und deiner Kraft. Ich wünsche dir viel Segen...“ Er wollte ihr das Fahrgeld reichen, doch sie lehnte dankend ab. Er war selbst einer der Armen....

Eines Tages wird mir die große Not bewusst, in der Chandani sich momentan befindet. „Wir müssen innerhalb eines Monats unser Zimmer verlassen. Kannst du uns  helfen, ein Zuhause für meine Mutter und mich zu finden? Der Vermieter möchte die ganze Lehmhütte an einen Mieter vermieten und braucht unseren kleinen Raum. Wir müssen hinaus! Ich bin schon bei der Regierung gewesen.  Doch man kann uns nicht helfen. Sie sagen, wenn ich eine Million Rupien (damals ca. 25.000 DM) habe, können sie mir ein kleines Stück Land mit einem kleinen Haus geben. Doch diesen Betrag kann ich niemals aufbringen. Wohin sollen wir nur gehen?“

Sie müssen in dieser Umgebung bleiben, da die Mutter ihre Arbeit in der Tabak-Fabrik nicht aufgeben kann und Chandani in der Nähe der Universität sein will. Sie sagt: „Endlich haben sich die Menschen um mich an meinen Anblick gewöhnt! Wenn ich wieder in eine andere Gegend ziehe, beginnt alles wieder von vorn... Die Blicke der Mitmenschen auf meine fehlenden Arme...“

Die Angebote für Wohnungen sind unmäßig teuer: 2.000 Rupien Miete für zwei kleine Räume ohne fließendes Wasser mit einer Mietvorauszahlung von 30.000 Rupien ohne monatliche Anrechnung. Die Mutter verdient nur 3.200 Rupien monatlich und das reicht selbst bei größter Sparsamkeit kaum zum Leben. Vielfach ist nicht genug Nahrung da.

Ja, was können wir für einen solchen starken und mutigen Menschen tun? Gibt es eine Möglichkeit für Chandani, ein kleines eigenes Zuhause zu finden, damit die Sorgen sie verlassen können? Wie soll sie in Ruhe studieren, wenn sie nicht weiß, wie es weiter geht?
Auf meine Frage, was sie in ihrem Hausstand besitzen, sagt sie lächelnd: „1 Handtuch für meine Mutter und mich, ein Bettlaken für uns beide, zwei Gläser, 2 Teller und Tassen und zwei Löffel, einen Topf mit einem Kochlöffel. Das ist alles.“

Wir haben vielen unserer Freunde und Spendern von ihrem Kummer berichtet. Innerhalb kürzester Zeit haben wir das Geld für ein Haus zusammen. Wir finden es nicht weit von der Universität und von der Arbeitsstelle der Mutter. Glücklich ziehen die Beiden in ihr neues Zuhause mit einem kleinen Garten.

Chandani kann sich überall sicher und frei bewegen. Sie isst mit Ihren Füßen appetitlich mit Messer und Gabel, führt die Tasse oder das Glas spielerisch und selbstsicher zum Mund, spricht mit der Ausdruckskraft der Füße wie andere mit ihren Händen. Sie ist ganz „normal“. Sie putzt, wäscht, bügelt und kocht mit einer Selbstverständlichkeit. Selbst das kleine Gärtchen pflegt sie voller Hingabe. Es ist eine wahre Freude, ihrem ausdrucksvollen Leben zuzuschauen! Sie hat sich mit ihrer Art der Behinderung arrangiert und ist ein vollwertiges Geschöpf ihrer Gesellschaft. Sie möchte niemandem zur Last fallen, sondern nimmt ihr Leben selbst in den Fuß! 

Im Jahre 2004 ist sie mit ihrem Studium fertig und wir können ihr helfen, bei einer Schwedischen Reifen-Firma eine gute Arbeitsstelle zu finden.

Am 24. August 2006 heiratet sie und lebt glücklich mit ihrem Rangana.

Ende 2012 hat sie neben ihrer Arbeit ihr Studium an der Universität wieder aufgenommen, um ihren Doktor zu absolvieren. Ihr Traum ist es, an der Universität zu lehren.

Für mich – Ursula Beier – ist sie ein großes Vorbild für die Menschen und ich bin so dankbar für all' die wundervollen Erfahrungen mit ihr.